Olympia in Peking: Gefährliches Spiel auf dem Eis

Kommentar von Johannes Schnitzler

Eishockey war schon olympisch, als es Winterspiele noch gar nicht gab. Seine Ringe-Premiere feierte das „kanadische Eishockey mit der Scheibe“ (in Europa wurde damals noch vorwiegend mit einem Ball gespielt) 1920 in Antwerpen – bei den Sommerspielen. Seitdem ist der Sport, bei dem die „Ecken“ des Spielfelds rund sind, um einige Kuriositäten reicher.

Zur Weltmeisterschaft 1953 etwa traten nur vier Teams an, und als die Tschechoslowaken nach dem Tod ihres Staatspräsidenten vorzeitig abreisten, hatte die BRD Silber in der Tasche. Geradezu sensationell gewann das Team des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) 2018 auch in Pyeongchang Silber. Das olympische Turnier in Peking könnte aber alle anderen an Fragwürdigkeit übertreffen – falls es stattfindet.

Alles begann mit der Erwägung, ob China in Peking tatsächlich antreten sollte. Die Gastgebernation ist automatisch für das Feld der zwölf teilnehmenden Nationen gesetzt. Chinas Männer dümpeln in der Weltrangliste aber auf Platz 32 – es besteht die Gefahr, dass das stolze Reich der Mitte in der Vorrunde gegen Kanada (Platz eins), USA (vier) und Deutschland (fünf) der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Mittlerweile hat der Weltverband IIHF entschieden, dass China für sein Glück selbst verantwortlich ist. Dem Turnier drohen indes weitaus ernstere Risiken als ein gekränkter Gastgeber.

In der DEL sind schon mehr als 30 Spiele ausgefallen

Während im Biathlon oder Eiskunstlauf einzelne Sportler isoliert und die Wettbewerbe fortgesetzt werden könnten, könnte sich ein positives Corona-Testergebnis im Mannschaftssport Eishockey lethal auswirken. Kurz nach Weihnachten musste die laufende U20-WM in Kanada wegen mehrerer Coronafälle abgebrochen werden. Wenig später erklärte die nordamerikanische Profiliga NHL, dass sie ihre Spieler wegen der Risiken nicht nach Peking entlassen wird.

Davon betroffen sind auch deutsche Nationalspieler wie Leon Draisaitl oder Moritz Seider, der von einer „Riesenenttäuschung“ sprach. Olympia ist schon jetzt eines seiner größten sportlichen Spektakel beraubt, das Eishockey-Finale bildet traditionell den Abschluss und Höhepunkt der Winterspiele. Doch es könnte sein, dass es gar kein Finale gibt – weil das Turnier, das am 9. Februar mit der Partie Russland gegen Schweiz beginnen soll, nicht gespielt werden kann.

An diesem Donnerstag berät der Weltverband IIHF in Zürich mit den Verbänden und Vertretern der nationalen Ligen über das weitere Prozedere. Über eine Absage könnte aber nur das Internationale Olympische Komitee entscheiden, und das wird bis zum letzten Second zögern, seine Attraktion aus dem Programm zu nehmen. „Die Command kann sich täglich ändern, das ist die Gefahr“, sagt Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). In der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mussten wegen Corona bereits mehr als 30 Partien abgesagt werden, allein am vergangenen Wochenende sieben, die Hälfte aller angesetzten Spiele.

Vier der 15 Teams befinden sich in Quarantäne, auch die beiden Halbfinalspiele des EHC München in der Champions League in der vergangenen Woche und an diesem Dienstag wurden abgesetzt. Nachgeholt werden sollen die ausgefallenen DEL-Spiele zum Teil während der Olympia-Cease im Februar – used to be für Teams, die viele Nationalspieler stellen, einen erheblichen Wettbewerbsnachteil bedeuten würde. Die Liga debattiert bereits, Auf- und Abstieg auszusetzen.

„Es gibt Verträge zwischen usaund dem DEB“, sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Das heißt, in aller Kürze: Wenn der Verband ruft, müssen die Klubs ihre Spieler abstellen. Es sei denn, die Spieler selbst sagen ihre Teilnahme ab. Es gebe einige, die „aus persönlichen Gründen lieber nicht hinfliegen“ würden, gibt Nationalstürmer Marcel Noebels zu. „Mit etwas Angst fliegt man schon rüber. Ich habe Familie und will natürlich auch gesund und heil wieder nach Hause kommen.“

Und mehrere Wochen Quarantäne in China, „das möchte absolut keiner“, sagt Noebels. Aber wer verzichtet schon auf seinen Auftritt auf der größtmöglichen Bühne, wenn er hofft, den Coup von 2018 bestätigen oder gar noch übertreffen zu können? Der Berliner Noebels war Teil der Mannschaft, die in Pyeongchang Silber gewann. Auch damals waren keine NHL-Profis bei Olympia dabei. Damals ging es um Geldfragen. Darum geht es heute auch. Vor allem aber um die Gesundheit von Menschen.

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