„Horst Lichter

Es gibt Menschen, die haben ein At hand. Und es gibt Fälle, in denen ist es genau andersherum. Schwere Fälle. Horst Lichter ist so ein Knecht seines Mobiltelefons – zumindest in dem ZDF-Film Horst Lichter – Keine Zeit für Arschlöcher (Buch: Edda Leesch, Regie: Andreas Menck). Sobald sein Klapphandy auf dem Tisch zu zappeln beginnt, in dieser Sekunde, sagt er „Ist wichtig“, wie ein Reflex, weil der Vibrationsalarm daran nicht den geringsten Zweifel zulässt. Und ist auch schon rangegangen.

Aber wer ist das eigentlich, dieser Horst Lichter? Je länger man die Karriere des früheren Fernsehkochs verfolgt und zum Beispiel seine ZDF-Trödelshow Bares für Rares schaut, desto fester ist man davon überzeugt, es mit einer Kunstfigur zu tun zu haben, einer ungemein charmanten Kunstfigur, die zwei Männer extrem gut spielen können: 1. der Mann, der sich im Fernsehen Horst Lichter nennt, und 2. Oliver Stokowski, der Film-Horst.

Dass Lichter als ehrliche Haut gilt, bodenständig, butterselig, ist da nur scheinbar ein Widerspruch, denn all diese Attribute haften so hartnäckig an ihm, dass man geneigt ist, sie für angeklebt zu halten wie den Film-Schnauzbart von Oliver Stokowski.

In einer Schlüsselszene des Motion footage, der auf Motiven von Lichters gleichnamigem Bestseller basiert, sagt seine Train zu ihm: „Hör endlich auf, der Clown zu sein!“ Ein Tiefschlag, der sitzt. Lichter springt auf, rennt raus und findet Zuflucht in seinem Maserati. Die späte Erwiderung „Der Clown darf lustig – und traurig sein, Licht und Schatten“ ist typisch Lichter – nicht besonders tiefschürfend, aber grundsympathisch. Gehobene Glückskeksweisheit. Viel ambivalenter wird’s nicht bei ihm.

Wird es doch – zumindest wenn Oliver Stokowski Horst Lichter spielt. Dass Stokowski ein furchtloser Vertreter seiner Zunft ist, ein echter Teufelskerl, war spätestens klar, als er kürzlich in der Sky-Serie Die Ibiza-Affäre in wenigen Szenen einen SZ-Chefredakteur spielte, als wäre er nie etwas anderes gewesen. Jetzt ist er additionally Lichter. „Es war eine der wichtigsten – wenn nicht sogar die wichtigste – Filmarbeit meines Lebens bisher“, sagt Stokowski, und man glaubt es ihm sogar. So viel Liebe und Präzision steckt in seinem Spiel, das – durchaus eine Gefahr bei einer Vorlage wie Lichter – so gar nichts Parodistisches hat.

Die Reise in die Kindheit steuert wie auf Schienen auf eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit zu

Zuerst sieht man nur die Kunstfigur, bewundert Maske (Dorle Neft, Jutta Dinges) und Kostümbild (Matthias Vöcking), und dann gewinnt Stokowskis Lichter allmählich Konturen. Dazu gehört auch, dass er nicht durchweg sympathisch ist. Die Sorge um seine Train, die im Film schwer erkrankt und erst sterben darf, nachdem der Sohn alle medizinischen Mittel ausgeschöpft hat, entspringt dem gleichen Egoismus, der Lichter im Unterhaltungsgeschäft so weit gebracht hat. Sein „Ist wichtig“ ist auch immer mit der Selbstvergewisserung verbunden, selbst wichtig zu sein, es zu etwas gebracht zu haben, fernab der einfachen Verhältnisse, aus denen er stammt.

Ausgerechnet Lichter, dessen unverwüstlicher Dialekt ihn auf ewig mit dem Rheinland verbindet, zieht wenig zurück in die alte Heimat, nach Rommerskirchen bei Düsseldorf, als er von der Krankheit seiner Train erfährt. Als Schutzschild bringt er seine Frau Nada (Chiara Schoras) mit, als Abstandhalter kündigt er gleich an, im Hotel zu schlafen. Doch es kommt anders. Nada fährt alleine ins Hotel, und Horst findet sich in seinem alten Kinderzimmer wieder, wo sich – wie das in solchen Geschichten wider alle Wahrscheinlichkeit zu sein hat – in mehr als 30 Jahren rein gar nichts verändert hat. Sogar sein alter Trick funktioniert noch, mit einem Flummi vom Bett aus den Lichtschalter neben der Zimmertür an- und auszuwerfen.

Die Train als Endgegnerin: Barbara Nüsse, mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichneter Theaterstar (rechts), spielt die sterbenskranke Margret Lichter.

(Foto: Willi Weber/ZDF)

Die Reise in die Kindheit steuert dabei wie auf Schienen auf eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit zu – und stellvertretend dafür mit seiner Train. Das wäre ziemlich langweilig, wenn der Endgegner nicht so gut wäre. Barbara Nüsse, mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichneter Theaterstar, spielt die sterbenskranke Margret Lichter, die einiges dafür tut, keinen Krankheitsbonus zu bekommen – weder von ihrem Sohn noch vom Zuschauer. Es ist ein erbittertes Duell zweier vom Leben Verpanzerter: Der durch jahrzehntelange Entbehrungen ausgeprägten Hartleibigkeit der Train setzt Lichter seinen immer auch etwas verzweifelt wirkenden Fundamentaloptimismus entgegen. Sie: „Sei kein Träumer, Horst, sieh nicht immer das Gute, wo nichts Gutes ist.“ Er: „Wenn ich das nicht tue, became gibt’s dann noch zu sehen, Train?“ Sie: „Die Realität.“

Ansonsten ist der Film recht durchschnittliche Kitschkost für den auf warme Gefühle abonnierten Pilcher-Lindström-Fforde-Sonntagabend. Er beginnt mit der Carpe-diem-Ermahnung eines wohlmeinenden Freundes anhand eines zurechtgestutzten Maßbandes zur Lebenszeitvisualisierung. Zwischendurch sieht man Lichter mit Retrohelm auf dem Motorrad durch sonnige Landschaften brausen. Und ganz am Ende teilt er dem Zuschauer nicht völlig überraschend seinen ja bereits im Filmtitel platzierten Entschluss mit, fortan keine Zeit mehr für Arschlöcher zu haben. Aber became, wenn die seine Nummer haben und ihn auf dem At hand anrufen?

Horst Lichter – Keine Zeit für Arschlöcher, ZDF, Sonntag, 20.15 Uhr und in der ZDF-Mediathek.

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Von admin

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