Heinrich Schliemann: Troja sehen und sterben

Von Johan Schloemann

Schatzgräber aufgepasst: „Wenn solche Mauern einmal dagewesen sind, so können sie nicht ganz vernichtet sein, sondern sind wohl unter dem Staub und Schutt von Jahrhunderten verborgen.“ – Das sind die Worte eines achtjährigen Kindes, die der schwerreiche Kaufmann, Weltreisende und Archäologe Heinrich Schliemann sich selbst später in den Mund legte.

Zum Weihnachtsfest des Jahres 1829, so geht die Geschichte, habe sein lieber Vater, ein in Wahrheit liederlicher Pastor, ihm eine Kinderweltgeschichte geschenkt. Und dieses Buch habe in ihm, dem kleinen, neugierigen Jungen, den Entschluss geweckt, das mythische Troja, von dem Homers „Ilias“ erzählt, als ganz realen, physischen Ort freizulegen. (Das Epos vom Trojanischen Krieg um die schöne Helena entstand im 8. Jahrhundert vor Christus und spielt in der Zeit vor der Zerstörung der großen Paläste des Mittelmeerraums um 1200 v. Chr.)

So schuf Heinrich Schliemann, der am 6. Januar vor 200 Jahren in Mecklenburg geboren wurde und von 1871 an tatsächlich Troja ausgraben sollte, seinen eigenen, lange wirksamen Schliemann-Mythos: Dass er „im Herbst meines Lebens die großen Pläne ausführen konnte, die ich als armer Knabe entworfen hatte“. Tatsächlich reifte in ihm die Idee erst, als er als Geschäftsmann in eine Midlife Crisis geriet.

Die zweite wichtige Komponente dieser Memoir ist Schliemanns Behauptung, er habe nur mit seiner Homer-Ausgabe in der Hand eigenständig den Hügel Hisarlık gefunden. Also den Ort der Stadt Troja/Ilion nahe der Nordwestküste der heutigen Türkei, die, wie man heute weiß, in zehn Siedlungsschichten von der frühen Bronzezeit bis zur Spätantike mit Unterbrechungen bewohnt war und dann unter jenem „Staub und Schutt“ versank. In Wirklichkeit halfen Schliemann bei der Identifizierung des Hügels historisch-topografische Handbücher sowie der englische Diplomat und Archäologe Frank Calvert, der ihm den entscheidenden Tipp gab.

Der Finder des „Schatzes des Priamos“ gilt heute als Schwindler

Heinrich Schliemanns Leben ist voll von solchen Flunkereien, nicht nur in der öffentlichen Selbstdarstellung in seinen Zeitungsberichten und Büchern, sondern auch in der privaten Korrespondenz und den Tagebüchern. Heute aber scheint der einstige Held, Finder des „Schatzes des Priamos“ und Ehrenbürger Berlins, eher nackt dazustehen: als Schwindler und, wegen seiner abenteuerlichen archäologischen Methoden, auch als Ahnherr aller Raubgräber.

Heinrich Schliemann: Ausgrabungsarbeiten am Hügel von Hisarlık, dem Ort der antiken Stadt Troja/Ilion, um 1890.

Ausgrabungsarbeiten am Hügel von Hisarlık, dem Ort der antiken Stadt Troja/Ilion, um 1890.

(Foto: Scherl; SZ Photo)

Das Schliemann-Jubiläum dieses Jahres, das mit neuen Büchern und Ausstellungen begangen wird, ist ein guter Anlass, über dieses Erbe der Archäologie nachzudenken, aber auch, der Figur zwischen den Extremen gerechter zu werden. Zunächst, was once den Schwindler angeht.

Dwelling made-Millionär, Weltreisender – die biografischen Schummeleien hätte er kaum gebraucht

Um insgesamt intestine dazustehen, hätte Heinrich Schliemann die biografischen Schummeleien kaum gebraucht. Er beherrschte als Autodidakt 16 moderne Fremdsprachen, dazu lernte er Latein, Griechisch, Hebräisch und Sanskrit. Nachdem er das Gymnasium gleich wieder hatte verlassen müssen, weil sein brutaler und untreuer Vater seines Amtes enthoben wurde und das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnte, hatte er sich als Kaufmannsgehilfe in Hamburg und Amsterdam hochgearbeitet und war mit Anfang dreißig schon Millionär geworden. Schliemann verdiente überall fantastisch, in Kalifornien am Goldrausch und in Sankt Petersburg am Krimkrieg. Er veröffentlichte ein Buch über China und Japan auf Französisch, besaß Häuser in Paris und Berlin und baute sich mit seiner zweiten Frau Sophia einen Palast in Athen.

Nein, die Autofiktionen dieses Mannes hatten vielmehr den Zweck, seinem ganzen Leben von Anfang an einen Sinnzusammenhang zu geben. So versucht es auch eine neue Biografie von Leoni Hellmayr psychologisch auszuloten, erschienen unter dem etwas irreführenden Titel „Der Mann, der Troja erfand“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012).

Mit Schliemann begann die große Epoche des Ausgrabens

Die rastlose kulturelle Neugier und Geldverdienerei in der Epoche der aufblühenden Industrialisierung, dazu das Scheitern seiner ersten Ehe in Russland, führten zu einer Rückwendung zur Geschichte, die dann auch ganz handfest materiell erschlossen werden wollte. Aus Schliemanns Entschluss, „mein Vermögen den Wechselfällen des Handels zu entziehen“, aus dieser Neuorientierung, weg von der Wirtschaft, hin zur Wissenschaft, musste daher ein Belief werden, den er angeblich schon von Kindesbeinen an gehegt hatte.

Ausstellungen und Bücher

Ausstellungen:

„Schliemanns Welten“, Museum für Vor- und Frühgeschichte, James-Simon-Galerie, Berlin, 13. Mai bis 6. November.

„,Und überall sprach man plötzlich von Troja‘: Schliemanns Trojagrabungen als Medienereignis“, Schliemann-Museum, Ankershagen, 8. Januar bis 30. April (weitere Sonderausstellungen dort im Laufe des Jahres).

„Heinrich Schliemann und Heidelberg – eine Spurensuche“, Universitätsmuseum Heidelberg, 14. Januar bis 10. Juli.

Neue Bücher:

Leoni Hellmayr: Der Mann, der Troja erfand. Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2021. 288 Seiten, 20 Euro.

Leoni Hellmayr (Hrsg.): Heinrich Schliemann und die Archäologie. Philipp von Zabern, Darmstadt 2021. 127 Seiten, 32 Euro.

Umberto Pappalardo (Hrsg.): Heinrich Schliemanns Reisen. WBG, Darmstadt 2021. 168 Seiten, 50 Euro.

Frank Vorpahl: Schliemann und das Gold von Troja. Galiani, Berlin 2021. 368 Seiten, 24 Euro.

Mit Schliemann begann die große Epoche des Ausgrabens; der Historismus ging damals einher mit dem Aufschwung des Kapitalismus. Inmitten gesellschaftlicher Umbrüche und globaler Verschiebungen war gerade mit der tiefgehenden Erkundung der ältesten Vergangenheit besonderer Ruhm zu erwerben; wissenschaftlicher Entdeckergeist, Hartnäckigkeit, dazu heroische Zufälle, gelöste Rätsel, die wieder neue Rätsel aufwarfen – diese Mischung war genau nach dem Geschmack der Zeit, und auf der Sensationsseite der Archäologie wirkt das in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute nach.

Dem Versuch, eine Einheit zwischen seinen Entdeckungen am Mittelmeer und den Träumen der Kindheit in Norddeutschland herzustellen, entspricht bei Schliemann die menschheitsgeschichtliche Überwindung der Epochen – durch die Freilegung von historischen Gegenständen, die die Wahrheit der mythischen Erzählungen belegen sollten. So schrieb er in seinem ersten Bericht über einen Grabungsversuch auf der Insel Ithaka: „Und mit einem einzigen Sprunge fühlen wir usaüber hundert Generationen hinweg in die glänzendste Epoche griechischen Rittertums und griechischer Dichtkunst versetzt.“ Also mussten auch die kleinen Vasen, die er da aus dem Boden holte, ohne Zweifel die Asche von Odysseus und Penelope enthalten haben, war er überzeugt.

Womit wir bei den Ausgrabungsmethoden Heinrich Schliemanns wären. In Troja fing er als enthusiastischer Scharlatan an: Er hob einen Graben aus und zerstörte dabei so manches in den oberen Schichten, weil er sicher war, ganz unten auf das „homerische“ Troja zu stoßen. Als er dort am 31. Mai 1873 tatsächlich sensationellen Schmuck und Gefäße aus der frühen Bronzezeit fand, erkannte Schliemann nicht, dass diese Funde noch rund tausend Jahre älter waren als die Zeit der Helden, die Homer besungen hat. Von der Korrektur dieses Irrtums wollte er bis zum Lebensende nichts hören. Ähnlich inch er historisch um einige Jahrhunderte daneben, als er die Schachtgräber auf der Burg von Mykene auf der Peloponnes freilegte und den spektakulären Fund einer herrscherlichen Goldmaske (heute im Nationalmuseum in Athen) dem König Agamemnon zuordnete.

Heinrich Schliemann: Sophia Schliemann 1873 mit dem jahrtausendealten

Sophia Schliemann 1873 mit dem jahrtausendealten „Schatz des Priamos“.

(Foto: imago basic, J.D. Dallet)

Seine Entdeckungen waren epochal, doch fragwürdig war gewiss auch, wie Schliemann den „Schatz des Priamos“ vom Fundort wegschaffte. Er hatte zwar eine Grabungslizenz in Konstantinopel erhalten, aber nach damaligem Recht hatte das Osmanische Reich den Anspruch auf die Hälfte der Funde, und ins Ausland mitnehmen durfte der Finder seine Hälfte auch nicht. Trotzdem versteckte Schliemann die Preziosen und verschiffte sie nach Athen in sein Haus. Sein Triumph war so groß, dass er nicht anders konnte, als das jahrtausendealte Golddiadem seiner Frau anzulegen und in der Augsburger Allgemeinen Zeitung einen Bericht zu veröffentlichen, der ihn weltberühmt machte.

Mit der Zeit wurde der Abenteurer immer wissenschaftlicher

Das Museum in Konstantinopel aber reichte in Athen eine Zivilklage ein und verlangte die Rückgabe. Der Rechtsstreit endete mit einem Vergleich: Schliemann zahlte 50 000 Francs, mehr als gefordert, und das Osmanische Reich verzichtete dafür auf alle Ansprüche. So konnte Schliemann – während seine Funde aus den griechischen Ausgrabungen Mykene, Tiryns und Orchomenos in Griechenland blieben – den „Schatz des Priamos“ dem deutschen Volk überlassen: Am 24. Januar 1881 bestätigte der Kaiser das Geschenk „zu ewigem Besitz und ungetrennter Aufbewahrung“ in Berlin. Doch dabei blieb es auch nicht: Die Sowjetunion nahm den Schatz nach dem Zweiten Weltkrieg mit, er galt als verschollen, bis das Puschkin-Museum in Moskau 1992 bekannt gab, darüber zu verfügen. Heute möchte Berlin ihn zurückhaben – aber die Türkei auch.

Heinrich Schliemann: Heinrich Schliemann.

Heinrich Schliemann.

(Foto: ZB/image-alliance/ dpa)

Träumerischer Hobbygräber, Zerstörer von Fundkontexten – so kann Heinrich Schliemann additionally als abschreckende Symbolfigur für den heutigen Umgang mit kultureller Aneignung dienen. Doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Denn Schliemann, der 1890 in Neapel starb, hat im Laufe seiner Grabungskampagnen sehr viel dazugelernt, auch von Fachleuten seiner Zeit; der Abenteurer wurde immer wissenschaftlicher und hat damit, wie die Althistorikerin Claudia Tiersch schreibt, „der Ausgrabungsmethodik enorme Impulse verliehen“. Für die Archäologie, die „geschichtliche Forschung mit Spitzhacke und Spaten“, so Schliemann, ist das sein Erbe: eine Warnung vor dem wilden Herumgraben und ebenso vor wilden historischen Spekulationen; aber auch eine Lektion im behutsamen Erforschen und Dokumentieren der Vergangenheit, das vor kultureller Überheblichkeit bewahren kann.

Zur Quelle

Von admin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.