Corona-Variante Omikron: Israel driftet ab in Richtung Herdenimmunität

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Omikron-Variante führt in Israel zu rasant ansteigenden Infektionszahlen. Ein führender Gesundheitsberater der Regierung hat bereits errechnet, dass sich innerhalb der kommenden drei Wochen jeder dritte Israeli mit dem Coronavirus infizieren könnte. Im Gesundheitsministerium scheint man nun darauf zu hoffen, dass auf diesem Weg die Herdenimmunität erreicht werden könnte. Um die negativen Folgen abzufedern, ist zu Wochenbeginn die vierte Impfung für alle über Sechzigjährigen freigegeben worden.

Die Warnungen von Premierminister Naftali Bennett waren in den vergangenen Tagen immer eindringlicher geworden. Von einem „Sturm“ sprach er, oder einem „Tsunami“, der sich vor Israel aufbaue. Am Sonntagabend dann verkündete er in einer zur besten Sendezeit are residing im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz: „Die Welle ist angekommen, und nichts kann das noch verhindern.“ Als Ziel seiner Politik gab er aus, „das Wirtschaftsleben so weit wie möglich funktionsfähig zu halten und dabei die Schwächsten so gut wie möglich zu schützen“. In der Praxis ist das eine Absage an strikte Einschränkungen oder gar einen Lockdown.

Vor fünf Wochen hatte Israel nach den ersten Berichten über das Auftauchen der Omikron-Mutante sofort seine Grenzen für Ausländer gesperrt und auch die Reisemöglichkeiten für Israelis ins Ausland drastisch eingeschränkt. Bennett spart nun nicht mit Selbstlob dafür, dass diese Maßnahme die Ausbreitung der hochansteckenden Virusvariante verzögert habe und wertvolle Zeit für Vorbereitungsmaßnahmen gewonnen worden sei.

Nun allerdings verbreitet sich das Virus mit einer nie zuvor gesehenen Dynamik. Innerhalb von nur zehn Tagen hat sich die Zahl der täglich gemeldeten Fälle von weniger als 1000 auf mehr als 6500 vervielfacht. Bennett rechnet auf dem Höhepunkt der nunmehr fünften Welle mit bis zu 50 000 täglichen Fällen. Das wären fünfmal so viele wie auf dem bisherigen Höhepunkt der Pandemie im vorigen Sommer.

Nur 60 Prozent sind bislang vollständig geimpft

Allerdings steigt die Zahl der ernsten Krankheitsfälle deutlich langsamer an, was auf den besseren Schutz von Geimpften gegen schwere Verläufe zurückgeführt wird. Bislang liegen nur gut 100 Patienten in Israel mit einer schweren Corona-Erkrankungen im Krankenhaus, die überwiegende Zahl davon ist nicht oder nur unzureichend geimpft. Bennett nutzte diese Zahlen noch einmal, um eindringlich für eine Impfung zu werben.

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Nötig ist dieser Appell auch deshalb, weil im vormals als „Impf-Weltmeister“ gefeierten Israel inzwischen nur noch 60 Prozent der Bevölkerung als vollständig geimpft gelten. 31 Prozent sind gar nicht geimpft, bei neun Prozent liegt der zweite Impftermin schon länger als sechs Monate zurück. Eine dritte Impfung haben bislang knapp 4,3 von 9,5 Millionen Israelis in Anspruch genommen. Die vierte Dosis sollen nun die Älteren frühestens vier Monate nach der dritten bekommen können.

Im Kontrast zu all den dramatischen Warnungen vor dem „Omikron-Tsunami“ sind jenseits der Impf-Appelle die Eindämmungsmaßnahmen jedoch eher lax und oft wechselnd. Eating areas und Golf equipment sind voll, Konzerte gut besucht. Selbst der für öffentliche Sicherheit zuständige Minister Omer Bar-Lev hat Kritik geübt: „Wir verwirren die Öffentlichkeit“, sagte er. „Ich muss viermal am Designate über neue Maßnahmen abstimmen.“

Am Montag wurde sogar angekündigt, die Einreisesperre für geimpfte oder genesene Touristen aus den meisten Ländern vom kommenden Sonntag an wieder aufzuheben. Angesichts der hohen israelischen Infektionszahlen sei die Gefahr einer zusätzlichen Einschleppung des Virus inzwischen „bedeutungslos“, erklärte Bennett.

Im Massenblatt Yedioth Ahronoth wurde bereits kritisiert, dass es die Regierung offenbar aufgegeben habe, die Verbreitung des Virus zu stoppen und zu einer „Politik der Resignation“ übergegangen sei. Der Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, Nachman Ash, kündigte an, dass Israel bald an der Schwelle zur Herdenimmunität stehe. „Der Preis einer Herdenimmunität sind sehr viel Infektionen“, sagte er, „und das könnte das sein, was passiert.“

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